Ein Hund zieht ein: Tipps zu Eingewöhnung [07/2021]

Hunde aus dem Tierschutz haben es oft viel schwerer in ihrem neuen Zuhause anzukommen.
(c) Photo: Thomas Pedrazzoli auf Pixabay

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Verhalten, Tierschutzhund, Tierschutz Austria - News 06/07/21

Wenn ein neuer Hund einzieht, möchte man alles richtig machen. Doch gerade hier passieren sehr häufig vielen Menschen, v.a. aufgrund von falschen Erwartungen und Missverständnissen, dieselben Fehler.

1. Zu viel Stress für Hunde aus dem Tierschutz

Gerade Hunde aus dem Tierschutz haben oft eine prägende Vergangenheit und, v.a. wenn sie aus dem Ausland kommen, ein Leben wie unseres nie kennengelernt. [Mehrwissen:  "Die Geschichte von Marlow dem Rotweiler" hier auf petdoctors.at] In der Eingewöhnungsphase, die mehrere Monate dauert, ist der neue Mitbewohner daher mit vielen für ihn unbekannten Reizen konfrontiert:

  • neue Geräusche und Gerüche,
  • das Gehen an der Leine,
  • angeleint auf andere Hunde treffen,
  • der Straßenverkehr (besonders in der Stadt)
  • Leben in Innenräumen,
  • enge Eingangssituationen oder Stiegenhäuser überwinden,
  • auf rutschigen Untergründen gehen,
  • Aufzug fahren und
  • vieles mehr. 

WICHTIG: In den ersten Tagen zeigen sich die meisten Hunde generell eher gehemmt – aus unserer Sicht wirken sie sehr brav und unauffällig.

Die Hunde sind trotzdem dabei, ganz viel Stress zu bewältigen, denn jeder Hund, der in eine neue Lebenssituation gebracht wird, hat in erster Linie ganz viele neue Reize zu verarbeiten.

2. Die richtige Starthilfe für Hunde aus dem Tierschutz: Ruhe und Routine

Was Hund jetzt braucht, ist vor allem eines: Ruhe

  1. Ruhe um Anzukommen,
  2. Ruhe um Vergangenes verarbeiten zu können,
  3. Ruhe um sich an sein neues Leben gewöhnen zu können.
  4. Ruhe bedeutet in diesem Fall nicht nur, dass der Hund sich erholen kann, sondern auch, dass er von Ihnen in Ruhe gelassen, also nicht gestreichelt und gekrault, wird!

Er muss Sie und seine neue Umgebung erst einmal kennen lernen, ebenso die neuen Regeln und vor allem Vertrauen fassen. Erwarten Sie nicht zu früh zu viel von ihm. Gönnen Sie ihm eine angemessene Eingewöhnungszeit – die Bekanntschaft ihrer Familie und Freunde kann er früh genug machen. Sie haben Zeit! Auch wenn sein Fell nicht tadellos ist, es vor Knoten oder Verfilzungen strotzt oder der Geruch nicht angenehm ist – ein Besuch beim Hundefriseur sollte in der Eingewöhnungsphase Tabu sein. Dies ist nur unnötiger Stress! [Mehrwissen: "Was Hunde stresst und warum Dauerstress krank macht" hier auf petdoctors.at]

Was dem Hund jetzt hilft ist Routine:

Jetzt ist es bereits ganz wichtig, den Hund an einen Tagesablauf zu gewöhnen, der möglichst wenig variiert. Tägliche Routine, fixe Zeiten für das Spazierengehen, fixe Zeiten für Futter geben Ihrem Hund Sicherheit, denn er lernt, wann welche Dinge passieren und diese Vorhersehbarkeit gibt Ihrem Hund Sicherheit. Alles was unerwartet passiert, kann ihn im Gegensatz dazu verunsichern!

Zeigt der Hund nach den ersten Tagen Verhaltensauffälligkeiten, überlegen Sie, ob diese vielleicht auch medizinische Ursachen haben können:

  • Stress und ev. auch eine mögliche Futterumstellung kann sich auf den Magen und den Darm auswirken. Das kann zu Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen, Sodbrennen durch zu viel Magensäure u.v.m. führen. [Mehrwissen: "4 Tipps wie Sie gesundes Hundefutter erkennen"  hier auf petdoctors.at]
  • Hat der Hund Schmerzen, kann er unterschiedlich darauf reagieren: manche Hunde verkriechen sich, manche werden aggressiv, manche Hunde stopfen regelrecht Sachen in sich hinein, sprich fressen eigentlich Unessbares oder trinken Unmengen von Wasser, im Versuch ihre Schmerzen zu lindern.

Hier kann ein Besuch bei der Tierärzt*in hilfreich sein, um dies abzuklären. [Mehrwissen "Tierarztsuche in Österreich" hier auf petdoctors,at] 

Hat Ihr Hund jedoch keine gesundheitlichen Auffälligkeiten, warten Sie mit den ersten Tierarztbesuchen noch – auch diese sind Eindrücke, die der Hund verarbeiten muss und davon hat er ohnehin gerade jede Menge.

3. Verhaltensauffälligkeiten und Körpersprache

Natürlich sind nicht alle Verhaltensauffälligkeiten auf medizinische Ursachen zurückzuführen. Training sollte sich jedoch in der ersten Zeit auf das beschränken, was der Hund anbietet. Der Besuch einer Hundeschule kann noch warten.

Die meisten Verhaltensauffälligkeiten lassen sich leicht vermeiden, indem man sich in der Eingewöhnungsphase in vielerlei Hinsicht auf den Hund einlässt:

  • Beobachten Sie Ihren neuen Schützling.
  • Hunde kommunizieren über Körpersprache, [Mehrwissen: "Hundesprache" hier auf petdoctors.at]
  • trotzdem gibt es von Hund zu Hund gröbere oder feinere Unterschiede im Ausdrucksverhalten.
  • Zum Beispiel kann man das Erregungslevel des Hundes u.a. an der Rutenhaltung erkennen.
  • Das gleiche Erregungslevel kann sich bei unterschiedlichen Hunden jedoch in einer unterschiedlichen Rutenhaltung widerspiegeln!

Lesen Sie Bücher oder schauen Sie Videos über Körpersprache beim Hund. 

Vieles wird leider von uns Menschen oft missverstanden und führt dann vielleicht auch zu Problemen. [Mehrwissen: "Was Menschen lieben und Hunde hassen" hier auf petdoctors.at] Nicht jeder Hund, der eine Spielaufforderung zeigt, will tatsächlich auch spielen… Deshalb ist es wichtig den Hund gut zu beobachten, um zu erkennen, wie er aussieht, wenn er entspannt ist. Dies ist von großer Bedeutung, denn sieht der neue Mitbewohner plötzlich anders aus, ist es wichtig, sich bewusst zu sein, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Stress die Ursache für seine nicht entspannte Körpersprache ist.

4. Bitte nicht stören: Der Platz ist Ruhezone und Tabu für Zweibeiner

Die meisten Hunde wollen nicht gleich vom ersten Tag weg mit Streicheleinheiten überhäuft werden. Gerade Hunde aus dem Auslandstierschutz empfinden Berührungen anfangs nicht unbedingt als positiv. Zumeist haben diese Hunde aufgrund von negativen Erfahrungen in ihrer Vergangenheit gelernt, den Menschen zu meiden.

Deshalb ist wichtig – und dies gilt nicht nur für Hunde aus dem Tierschutz! – dem neuen Schützling eine Ruhezone einzurichten, in der er sich wohl fühlt, optimaler Weise ein warmes, weiches Plätzchen (je nach Vorlieben des Hundes) zur Verfügung hat, ebenso eine gefüllte Wasserschüssel.

Die Ruhezone Ihres Hundes ist für den Menschen (egal ob groß oder klein) ein Tabu!

  1. Gewähren Sie Ihrem neuen Gefährten anfangs unbedingt die nötige Distanz, die er braucht, um sich sicher fühlen zu können.
  2. Geben Sie ihm Zeit, sich in seinem eigenem Tempo annähern zu können.
  3. Bitte kein Zwangskuscheln!
  4. Sie stärken das Vertrauen Ihres Hundes in Sie, wenn Sie seine Individualdistanz respektieren.

Lesen Sie hier gleich weiter auf petdoctors.at:

Tipps vom Profi zur stressfreien Eingewöhung von DI Ruth Hofleitner, Tierschutz Austria