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Marlo, der Rottweiler

Die Geschichte von Marlo, dem Rottweiler, klingt wie ein Märchen. Sie fängt ganz schlecht an und geht ganz gut aus. Sie ist der Beweis, dass Märchen manchmal wahr werden.

Von Ursula Aigner


 
Vor vier Jahren: Marlo ist deutlich unterversorgt. Nicht gerade halbverhungert, aber viel zu mager. Zu wenig Flüssigkeit. Zu wenig Futter. Damit weniger wegzuwischen ist, so die lapidare Erklärung. Wegwischen heißt: Kärcher. Immerhin dem Strahl kann Marlo ausweichen. In eine kleine Hütte in seinem Zwinger. Sechs Quadratmeter. Der Zwinger, nicht die Hütte. Und aus dem Zwinger kommt Marlo nicht hinaus. Seit Monaten nicht. Eher schon ein Jahr. Zu gefährlich.
 
Der Zwinger steht auf dem Gelände eines Schutzhundevereins in Ungarn. Hier wird noch mit dem Elektrohalsband gearbeitet. Aber nicht bei Marlo. Sie haben es nicht geschafft, es dem Hund anzulegen. Der Vorbesitzer hat Marlo hier abgegeben.  Hat Angst vor dem eigenen Hund bekommen. Damals hieß Marlo noch Macho.
 

Als Marlo noch Macho hieß

 

Ich habe ihn umgetauft. Gleich beim ersten Besuch. Einen so aggressiven Hund habe er noch nie gesehen, meint der Leiter der Station. Und er arbeite seit 40 Jahren mit Hunden. Wohl mit einer ungünstigen Herangehensweise, denke ich mir.

Wir stehen vor Marlos Zwinger. Der Hund springt. Dreht sich. Bellt. Ruhe strahlt er nicht aus. Aggressiv? Vielleicht, aber irgendwie wirkt er abwesend. Als wäre er nicht ganz bei sich. In der Folge wird mir klar, dass Marlo hungrig ist. Unterversorgung. Der Stationsleiter redet mit Marlo . Gibt ihm immer wieder Futter durch das Gitter. Der  Hund wird ruhiger, endlich kann er ein Grundbedürfnis befriedigen. Der Stationsleiter schickt ihn in die Hütte. Das ist das Kommando, das Marlo kann. Das einzige. Weil es vor dem Kärcher schützt. Mit dem Kärcher halten sie ihn auf Abstand, wenn sauber gemacht wird.
 
Ich rede auch mit Marlo und er nimmt die Leckerlis. Ganz ohne Aggression. Ich stehe einmal auf der einen Seite des Zwingers, einmal auf der anderen. Erste Übung: Klicker konditionieren. Zweite Übung: Ich setze mich vor den Zwinger. Rede mit Marlo. Gebe ihm Leckerlis. Reichlich. Und irgendwann legt sich auch Marlo hin.
 
Bis zum nächsten Besuch dauert es drei Wochen. Die Distanz. Ungarn ist weit. Deswegen war ich auch skeptisch als der Anruf kam, weil sie mit dem aggressiven Hund nichts anzufangen wussten. Übung: Annähern, in die Hütte schicken, belohnen. Ziel: Wenn ich den Zwinger betrete, soll er eher weggehen als sich bedrängt zu fühlen. Wieder alles mit Belohnungen und vor allem keiner Bedrohung verknüpfen. Ganz vorsichtig. Erstmals die Zwingertüre auf, wieder möchte ich ihn belohnen.. Doch Marlo zögert. Er nimmt das Futter nicht aus der Hand ohne Gitter dazwischen. Ich werfe es ihm entgegen. Damit muss er nicht tun, was ihm noch unangenehm ist: die Distanz zu mir verringern. Tür wieder zu. Noch einmal. Viele kleine Schritte und vor allem Wiederholungen. So oft bin ich ja nicht hier.
 

Vorsicht mit der Schlaufe

 

Drei Wochen später.  Ich zeige ihm eine große Schlaufe. Halte sie an das Gitter halte und belohne, wenn er sich mit seinem Kopf in der Mitte annähert. Alles in ganz kleinen Schritten. Schließlich hat Marlo das Elektrohalsband abgewehrt.
 
Als das gut klappt, lege ich die Schlaufe in der offenen Zwingertür auf den Boden. Leckerli in die Mitte. Erst misstrauisch. Dann nimmt er es. Belohnung. Wiederholung. Ich hebe die Schlaufe kurz an, während er sich mit seinem Kopf annähert. Belohnung. Wiederholung vom letzten Mal. Tür auf. Tür zu. Belohnung. Marlo lässt mich in den Zwinger. Die Übungen mit der Schlaufe am Gitter haben sich ausgezahlt. Es klappt auf Anhieb. Brustgeschirr. Allein das Geräusch der Schnallen muss trainiert werden. Ich bin unter Druck. Die Betreiber der Tierstation belächeln die Methode und es wird Zeit, Marlo aus dem Zwinger zu holen.
 
Drei Wochen später. Kein Halsband, nur noch Brustgeschirr. Mit Andrea Hanacek gemeinsam. Zwei Leinen. Zur Sicherheit. Nach etwa als einem Jahr verlässt Marlo erstmals den Zwinger. Im Zwinger ist der Boden gefliest. Draußen sind Waschbetonplatten. Marlo wird steif. Geht in die Knie, wird ganz flach. Das unbekannte Gefühl unter den Pfoten. Zureden. Leckerlis. Das Umfeld ist alles andere als ideal. Ein Gang. Andere Hunde. Menschen. Katzen. In einer Ecke werden Gänse gestopft. Kein eingezäunter Auslauf. Endlich sind wir auf der Wiese. Marlo ist wie eingefroren. Nach drei Minuten legt er sich hin. Völlig überwältigt. Wir sind bald zurück im Zwinger.

 

Auf die Distanz, mit diesen zeitlichen Abständen und vor allem unter diesen Bedingungen vor Ort werden wir nicht weiter kommen. Also Suche nach einer Unterkunft in Österreich. Zum Glück werden wir fündig. Nächste Aufgabe: Auto. Große Transportbox im Zwinger zur Gewöhnung. Futter gibt es in der Box. Marlo liebt sie. Transportbox samt Marlo ins Auto. Er ist cool. Verschläft die Fahrt weitgehend. Ein Beruhigungsmittel hilft. Im neuen Zuhause gibt es viel mehr Platz und einen Außenbereich.

 

Marlo arbeitet mit Begeisterung

 

Marlo kommt mindestens einmal pro Tag hinaus. Ich übe mit ihm mindestens einmal die Woche. Sitz. Platz. Maulkorb. Vorbei an anderen Hunden. Geschirrgriff. Begegnung mit Menschen. Auch Ruheverhalten. Sich berühren lassen, Fell bürsten. Marlo muss vieles lernen, aber es geht voran. Sehr gut sogar. Marlo macht ganz toll mit und ist ein sehr wissbegieriger Schüler. Aggressiv? Er hat bei mir keinen Grund dazu. Er kooperiert mit Begeisterung und freiwillig.
 
Nächste Hürde: Gesundheits-Check. Tierarzt-Training. Dass sich Marlo Blut abnehmen lässt ist ausgeschlossen. Also sedieren. Wir üben auf seiner Decke. Ein zweiter Mensch. Die Assistentin. Marlo dazwischen. Belohnungen gibt es immer auf der Decke, wenn wir ihn am Brustgeschirr festhalten und eine Hautfalte am Rücken angehoben wird. Eigener Termin beim Tierarzt. Keine anderen Hunde. Die Decke in der Ordination. Klappt alles hervorragend. Lässt sich die Hautfalte am Rücken anheben vom bisher unbekannten Tierarzt. Nach fünf Minuten schläft er. Das Röntgen ergibt Verknöcherungen in der Wirbelsäule. Ist beim jungen Hund in der Phase der Verknöcherung extrem schmerzhaft, wenn an der Leine gerissen wird.

 

Zeit für ein neues Zuhause

 

Eine Woche später bin ich mit Marlo auf der Wiese. Er wälzt sich. Kugelt herum. Pfoten in der Höhe. Kann gar nicht genug bekommen. Marlo lernt mit anderen Menschen gut klarzukommen. Eine Kollegin arbeitet mit ihm. Ein Kollege springt ab und zu ein. Studenten der Vet-Uni arbeiten mit. Alltagssituationen. Auto fahren. Es ist Zeit, ein neues Zuhause für ihn zu finden.
 
Nach zwei Jahren kommt Marlo in ein anderes Tierheim. Dort kommt er dreimal pro Tag hinaus und hat viel positiven Kontakt mit Menschen. Damit geht auch diese Entwicklung sehr behutsam, das gemeinsam Zeit verbringen mit Menschen. Nicht von heute auf morgen eng in einer Familie. Das würde überfordern und bräuchte wahrscheinlich Management-Maßnahmen.
 
Nach eineinhalb Jahren ist es endlich soweit und auch Marlo ist bereit. Interessenten melden sich. Die Regeln werden besprochen. Sie können jetzt so weit gefasst werden, dass alle damit gut umgehen können. Marlo hat sich prima entwickelt und hat Menschen in der Zeit in Österreich ausschließlich als Bereicherung wahrgenommen. Das macht die Sache um einiges einfacher.
 
Heute lebt Marlo in einer Wohnung mit Garten in der Nähe von Gänserndorf. Seine Menschen sind um die 30 und lieben ihn ebenso wie er sie. Sie haben ständig die Gewissheit, Hilfe zu haben, wenn er diese benötigt. Damit es allen, seinen Menschen, wie auch Marlo gut geht.


 

Mag. Ursula Aigner


ist Verhaltensbiologin und Tierschutzqualifizierte Hundetrainerin. Sie ist aktives Mitglied verschiedener Netzwerke im Bereich Hundetraining (www.tierschutzhund.info, www.gelber-hund.at, www.trainieren-statt-dominieren.de) und Tierschutz (www.animalfair.at, www.pro-tier.at). Ein Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt in der Arbeit mit Tierschutzhunden und ihren Menschen, um ihnen zu einem harmonischen Miteinander zu verhelfen.

Sie ist Gründerin der Hundeschule canis-sapiens
www.canis-sapiens.at  
canis sapiens auf Facebook  


 

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