Sind Meerschweinchen Herdentiere?

Meerschweinchenexpertin Dr. Marion Reich über ein viel diskutiertes Thema
(c) Photo: Dr. Marion Reich, www.meerschweinchenberatung.at

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Verhalten, Wildmeerschweinchen, Hausmeerschweinchen - News 10/04/21

  • Meerschweinchen sind obligat sozial, brauchen also immer zumindest ein Partnertier.
  • Wildmeerschweinchen leben in Paaren oder Kleingruppen.
  • Hausmeerschweinchen sind sozial verträglicher als Wildmeerschweinchen.
  • Zu große Meerschweinchengruppen zerfallen in Untergruppen.
  • Für ein glückliches Meerschweinchenleben braucht es eine harmonische, stabile Gruppe.

Man hört immer wieder die Aussage, dass Meerschweinchen Herdentiere sind. Doch stimmt das wirklich? Der Grund für diese Aussage liegt vermutlich in der Lebensweise der wilden Stammform unserer Hausmeerschweinchen, der gewöhnlichen Wildmeerschweinchen. Aber Wildmeerschweinchen sind alles andere als Herdentiere.

Wie leben Wildmeerschweinchen?

Die gewöhnlichen Wildmeerschweinchen, die Stammform unserer Hausmeerschweinchen, sind in weiten Teilen Südamerikas beheimatet. Sie graben selbst keine Baue, sondern nutzen hauptsächlich die Deckung dichter Vegetation, in der sie auch Trampelpfade anlegen. Zum Grasen kommen sie auf freie Wiesen- oder Weideflächen. Hier kann dann durchaus eine große Anzahl an Wildmeerschweinchen auf einmal beobachtet werden. Diese Tiere leben aber nicht in einer großen Gruppe zusammen.
 
Untersuchungen an einer Wildmeerschweinchenpopulation mit geringer Populationsdichte und einer zweiten mit hoher Populationsdichte haben die folgenden Varianten des Zusammenlebens gezeigt:

  • In dem Gebiet mit geringer Populationsdichte fand man hauptsächlich Wildmeerschweinchen, die in Paarenzusammengelebt haben, selten auch in Dreiergruppen.
  • In dem Gebiet mit hoher Populationsdichte waren neben Paaren auch kleine Gruppen von einem Bock mit zwei oder drei Weibchen und ihren Jungtieren zu beobachten. Der Kernlebensraum jedes Weibchens überlappt dabei mit dem Kernlebensraum des Männchens. Soziopositive Interaktion war vorrangig zwischen dem Männchen und jeweils einem Weibchen zu beobachten, nicht zwischen den Weibchen untereinander. Männliche Wildmeerschweinchen verteidigen ihre Weibchen gegenüber männlichen Artgenossen, nicht ihr Revier.In Gebieten mit hoher Populationsdichte konnte man auch junge Böcke beobachten, die am Rande einer Gruppe lebten, und etwas ältere Böcke, die als Einzelgänger zwischen den Gruppen lebten und versuchten, ein oder mehrere Weibchen für sich zu beanspruchen.

Domestizierte Meerschweinchen sind sozial verträglicher

Hausmeerschweinchen wurden schon vor etwa 3 000 bis 6 000 Jahren in Südamerika domestiziert. Sie wurden hauptsächlich als Fleischlieferanten gehalten und gezüchtet. Die Domestikation hat nicht nur zu einem veränderten Aussehen geführt. Während Wildmeerschweinchen kleiner und zarter gebaut sind und eine graubraune Deckfärbung besitzen, sind Hausmeerschweinchen größer, pummeliger und schwerer. Es gibt sie mit den verschiedensten Fellstrukturen und Färbungen. Sie sind auch um einiges gesprächiger als ihre wilde Verwandtschaft und sozial verträglicher.

Gruppengrößen und Gruppenzusammensetzungen

Hausmeerschweinchen können in den verschiedensten Gruppenzusammensetzungen und Gruppengrößen gehalten werden – nur allein gehaltene Meerschweinchen sind arme Schweine! Neben

Haremsgruppen von zwei bis fünf Weibchen und einem kastrierten Bock (!) bietet sich auch die Haltung von Paaren an, wenn man nur für zwei Tiere Platz hat. Hier muss der Bock natürlich ebenfalls kastriert sein. Kastrat und Weibchen leben in den meisten Fällen sehr harmonisch zusammen und bei dem Versuch, ein weiteres erwachsenes Weibchen dazuzugesellen, merkt man schnell, dass nicht nur die Wildmeerschweinchen-Damen nicht unbedingt von der Gesellschaft eines anderen Weibchens begeistert sein müssen.
 
Im Gegensatz zu Wildmeerschweinchen können bei den Hausmeerschweinchen aber auch gleichgeschlechtliche Gruppen gehalten werden, sowohl reine Weibchengruppen als auch Bockgruppen. Besonders bei den Bockgruppen ist man in den meisten Fällen gut damit beraten, bei einer Zweiergruppe zu bleiben und keine Experimente mit größeren Gruppen anzustellen, wenn man nicht sehr viel Platz hat und damit umgehen kann, plötzlich statt mit einer Gruppe mit mehreren Gruppen dazustehen.
Zwei Böcke können aber im Normalfall nicht in Gesellschaft von Weibchen gehalten werden, sofern nicht zumindest einer der Böcke frühkastriert ist.

Und in ganz großen Gruppen ...

Im Gegensatz zu Wildmeerschweinchen können Hausmeerschweinchen auch in sehr großen gemischtgeschlechtlichen Gruppen gehalten werden. Allerdings – und da ist das wilde Erbe doch nicht soweit entfernt – handelt es sich dabei dann nicht mehr um eine Gruppe. Sehr große Hausmeerschweinchengruppen zerfallen in kleinere Untergruppen, in denen dann wieder jeder Bock einige Weibchen für sich beansprucht. Voraussetzung für ein harmonisches Zusammenleben in sehr großer Zahl ist aber, dass die Böcke in einer großen, gemischtgeschlechtlichen Gruppe herangewachsen sind und in ihrer Jugendphase gelernt haben, wie man sich anderen Böcken gegenüber verhält.


Für Harmonie und Stabilität im Meerschweinchenleben

Um glücklich zu leben, brauchen Meerschweinchen zumindest einen Partner. Wichtig ist auch, dass ein harmonisches Paar oder eine harmonische Gruppe nicht einfach so mit einem neuen Tier oder neuen Tieren beglückt wird. Die Vergesellschaftung von erwachsenen Meerschweinchen kann unter Umständen schwierig sein, denn Meerschweinchen sind ausgeprägte Individualisten, die sich trotz ihrem großen Bedürfnis nach Gesellschaft nicht unbedingt mit jedem Meerschweinchen verstehen. Vergesellschaftungen bringen daher zunächst immer ein gewisses Maß an Stress mit sich und, auch wenn der Wunsch nach einem weiteren Meerschweinchen beim Halter noch so groß ist, sollte man vor der Entscheidung für ein neues Tier oder mehrere neue Tiere immer abwägen, ob es die richtige Entscheidung für die bestehende Gruppe ist.

 

Zur Autorin Dr. Marion Reich

Dr. Reich ist Initiatorin der Seite meerschweinchenberatung.at. Diese Plattform hat zum Ziel, Informationen zu Meerschweinchen, ihrer Haltung, ihrem Verhalten, Aspekte der Zucht und des Einsatzes von Meerschweinchen in tiergestützter Pädagogik und Therapie und anderen Themen rund ums Meerschweinchen zur Verfügung zu stellen.

Hier geht es zu den Meerschweinchen-Webinaren von Dr. Marion Reich.