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Kopfschiefhaltung beim Meerschweinchen

Hält das Meerschweinchen den Kopf schief, ist die häufigste Ursache eine Ohrenentzündung. In vielen Fällen wir sie leider zu spät erkannt.

 

Wenn das Meerschweinchen plötzlich den Kopf nicht mehr gerade halten kann oder nur noch benommen durchs Gehege taumelt, ist schnelles Handeln wichtig.
 
Die häufigste Ursache für eine Kopfschiefhaltung bei Meerschweinchen ist eine Ohrenentzündung, genauer gesagt eine Entzündung des Mittelohrs (Otitis media) und eine Entzündung des Innenohrs (Otitis interna). Eine Mittelohrentzündung verläuft zunächst häufig ohne besondere Symptome, die dem Halter auffallen würden, und kann auf das Innenohr übergreifen. Im Innenohr liegt das Gleichgewichtsorgan, das durch die Entzündung schwer in Mitleidenschaft gezogen wird. Eine Folge können Koordinationsstörungen, Augenzittern (Nystagmus) und auch die Kopfschiefhaltung sein. Dieser Symptomkomplex wird als Vestibularsyndrom bezeichnet. In weiterer Folge kann es auch zu einer Gesichtslähmung, erkennbar durch eine Störung des Schließreflexes der Augenlider oder ein Herunterhängen der Lippe, kommen. Der Kopf wird so gedreht, dass das gesunde Ohr nach oben weist. Manchmal legen sich die Meerschweinchen auch auf die erkrankte Seite.
 

Der manchmal lange Weg zur Diagnose

Die Schwierigkeit der Diagnose ist, dass eine Mittelohrentzündung auf einem Röntgenbild unter Umständen erst in einem späteren Stadium der Erkrankung eindeutig zu erkennen ist. Daher ist bei Kopfschiefhaltung sicherheitshalber ein CT anzuraten. Für das CT muss das Meerschweinchen zwar in den meisten Fällen in Narkose gelegt werden, es ist aber die einzige Chance diese heimtückische Krankheit zu einem Zeitpunkt zu erkennen, zu dem noch ein reeller Behandlungserfolg besteht. Ein CT kann zum Beispiel in Wien an der Veterinärmedizinischen Universität mit einer Überweisung des behandelnden Tierarztes durchgeführt werden.

 
Leider wird eine Mittelohr-/Innenohrentzündung in vielen Fällen erst spät, manchmal auch zu spät diagnostiziert. Manchmal wird zuerst von einer Ohrmilbeninfektion ausgegangen. Während Ohrmilben beim Kaninchen häufiger auftreten, sind sie beim Meerschweinchen – vor allem in Innenhaltung – als Ursache unwahrscheinlich. Entzündungen des äußeren Gehörgangs (oder Fremdkörper im Gehörgang) äußern sich hauptsächlich durch Kopfschütteln und vermehrtes Kratzen am Ohr.
 
Eine Mittelohrentzündung kann auch nicht, wie es manchmal erfolgt, nur durch einen Blick in den äußeren Gehörgang diagnostiziert bzw. ausgeschlossen werden. Es kann zwar durch starke Eiterbildung im Mittelohr zu einer Vorwölbung des Trommelfells kommen, das ist aber längst nicht immer der Fall.
 
Bei Kaninchen gibt es neben der Ohrenentzündung eine weitere häufige Erkrankung, die den Symptomkomplex des Vestibularsyndroms auslösen kann, die Enzephalitozoonose. Allerdings ist es nach heutigem Wissensstand nicht belegt, dass die Kopfschiefhaltung beim Meerschweinchen als Folge einer Enzephalitozoonose auftritt, da es bisher noch keinen einzigen wissenschaftlich dokumentierten Erkrankungsfall gibt.
 

Eine ausreichend lange Behandlung kann Leben retten

Wird die Ohrenentzündung nicht diagnostiziert, nimmt die Infektion weiter ihren Lauf und die Symptome können sich dramatisch verschlechtern. Ist das Allgemeinbefinden des Tieres deutlich gestört, kommt oft jeder Therapieversuch zu spät. Daher wäre es wichtig, dass eine ausreichend lange Behandlung mit einem geeigneten Antibiotikum zu einem möglichst frühen Zeitpunkt erfolgt. Bei fortgeschrittenem Erkrankungsverlauf kann unter Umständen nur eine Dauertherapie zu einem gewissen Erfolg führen.

 
Wird die Ohrenentzündung zu lange nicht richtig behandelt oder spricht die Behandlung nicht an, kann es sein, dass das betroffene Meerschweinchen eingeschläfert werden muss, weil das Gleichgewichtsorgan so schwer geschädigt ist, dass das betroffene Tier nicht mehr aufrecht gehen oder gar aufstehen kann.
 
Auch bei Therapiererfolg kann die Kopfschiefhaltung bestehen bleiben. Die Meerschweinchen sind davon meist aber nicht übermäßig beeindruckt. Die Kopfschiefhaltung tritt besonders in Stresssituationen deutlicher hervor.

Bei der Haltung ist darauf zu achten, dass die Tiere möglichst nicht in größere Stresssituationen gebracht werden. Die Trennung von Partnertieren ist nicht notwendig, man sollte den Meerschweinchen aber Gruppenerweiterungen, die zu viel Unruhe in der Gruppe führen können, ersparen.

 

Zur Autorin Dr. Marion Reich

Dr. Reich ist Initiatorin der Seite meerschweinchenberatung.at. Diese Plattform hat zum Ziel, Informationen zu Meerschweinchen, ihrer Haltung, ihrem Verhalten, Aspekte der Zucht und des Einsatzes von Meerschweinchen in tiergestützter Pädagogik und Therapie und anderen Themen rund ums Meerschweinchen zur Verfügung zu stellen.