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Clever & smart aus der Perspektive der Katze

Können Katzen denken?

Ja, aber anders als Menschen. Ihre Stärke liegt in der Beobachtung. Und sie haben ein gutes Gedächtnis. Eine schlechte Erfahrung prägt.

Von Mag.aIngrid Harant

 

Über die Beobachtug lernen sie bereits als Kinder von der Mutter, wie man sich Artgenossen oder Menschen sowie Beutetieren gegenüber adäquat verhält. Eine scheue Katzenmutter hat meist scheue Katzenkinder. Besteht allerdings in der Sozialisierungsphase, der zweiten bis achten Lebenswoche, ein vertrauensvoller Menschenkontakt, werden die Kätzchen aus eigener Erfahrung heraus offen und selbstbewusst gegenüber Menschen.

Katzen haben aber auch ein gutes Gedächtnis.  Eine einmalige schlechte Erfahrung kann sie nachhaltig prägen, also konditionieren - wie bei den Geschwistertieren Emma und Paul.

Missverständnis mit Folgen

Sie leben friedlich seit zehn Jahren zusammen. Paul soll zu Hause seine Krallen geschnitten bekommen, da sie einzuwachsen drohen. Er wehrt sich, schreit, pfaucht und springt weg. Emma wird durch die Geräusche ganz aufgeregt, kennt sich nicht mehr aus, springt ihn an und jagt ihn durch die Wohnung. Paul versteckt sich, Emma tigert nervös herum. Das Ganze wiederholt sich wochenlang - sobald sie Paul sieht, geht Emma auf ihn los.

Hier ist einiges schiefgelaufen. Emma wurde durch Pauls Angst- und Aggressionsverhalten, das gar nicht ihr gegolten hat, verstört - und hielt Angriff für die beste Verteidigung. Paul hingegen ist von Emmas plötzlich verändertem Verhalten irritiert, merkt, dass er weniger überlegen ist als sonst und flüchtet. Dadurch sieht Emma sich bestätigt und macht weiter.

Friedensschluss

Je länger so eine Situation besteht, umso intensiver muss auch an deren Auflösung gearbeitet werden. Fürs Erste ist, um die Gemüter zu beruhigen, eine Trennung der Kontrahenten nötig. Dann wird vorsichtig ein gesicherter Kontakt ermöglicht, mit Gitter zwischen den beiden Zimmern, sodass Paul kein Angstverhalten mehr zeigen und Emma nicht immer wieder aufs Neue die Starke mimen muss. Zusätzlich hilfreich: Pheromonstecker („Feliway Friends“ oder Ähnliches), der für die Menschen nicht wahrnehmbare Katzen-Wohlfühlgerüche verbreitet; Geruchsaustausch zwischen beiden Katzen mittels eines Stück Stoffs; Bachblüten, Kräuterpräparate oder kaseinhaltige Zylkene-Kapseln, die Entspannung fördern.

Das Wiederbefreunden kann manchmal Wochen dauern, vor allem wenn die problematische Situation bereits länger bestanden hat.

Partnerkatzen können sich manchmal auch bekriegen, wenn eine von beiden beim Tierarzt war. In solchen Situationen muss sich die Heimkehrerin erst einmal allein in einem Zimmer entstressen und den Wohnungsgeruch wieder annehmen.  Danach kann bei einem möglichst guten Essen das Zusammentreffen stattfinden.

Generell gilt: Wenn Aggressionen zwischen Katzen wieder aufflammen, immer zurück zur sicheren Variante - also zur vorübergehenden Trennung - gehen, damit sich das Muster des Jagens und gejagt Werdens nicht durch häufige Wiederholungen dauerhaft einprägt.

Gradmesser der Intelligenz

Katzen haben unterschiedliche Möglichkeiten zu lernen und unterschiedliche Motivationen. Als Gradmesser für Intelligenz gelten, auch bei Tieren, Anpassungsfähigkeit und die Möglichkeit, durch Erfolg und Misserfolg Erfahrungen zu sammeln. So sind intelligente Katzen rascher im Verstehen von Zusammenhängen. Doch selbst bei nobelpreisverdächtigen Stubentigern müssen ihre Menschen das Katzenverhalten und die Katzenbedürfnisse immer aus der Katzenperspektive sehen. Denn was für Mieze richtig ist, kann für uns unangenehm sein und umgekehrt.

Zum Beispiel sehnt sich die eher schüchterne Lucky nach mehr Ruhe und steht unter starkem Stress, da oft und viele Besucher da sind. Ihr Grundbedürfnis ist, ihr Territorium so zu strukturieren, dass sie sich sicher fühlt. Deshalb muss sie den zentralen Wohnungsbereich mit ihrem Geruch markieren. Sie kratzt am Sofa - Kratzen ist ein Markierverhalten, über die Pfoten werden Botenstoffe abgegeben -  und wird deshalb, zuerst noch recht sachte, geschimpft. Da sie nicht aufhört, werden die Stimmen immer lauter - und Lucky wird, obwohl sie nicht anderes will als Sicherheit - immer unsicherer. Schließlich wird sie grob vom Sofa geschubst und schlussendlich, um ein völliges Zerfetzen des Möbelstücks zu verhindern, aus dem Wohnzimmer verbannt.

Verständnis fürs Verhalten

Diese Veränderung ihres Reviers irritiert sie noch mehr, sie muss nun noch deutlicher signalisieren, dass die Wohnung ihr Gebiet ist und beginnt, im Vorzimmer auf den Boden zu urinieren. Immer schiefer hängt der Haussegen. Lucky wird auf frischer Tat ertappt und mit ihrem Näschen in die Pfütze getaucht (ein brutales, tierquälerisches „no go“). Komplett verstört setzt sie an immer mehr Stellen Harnmarkierungen.

Hier hat Lucky aus ihren Erfahrungen gelernt, aber nicht das, was ihre verständnislosen Halter wollten, die Luckys gerechtfertigten Bedürfnisse ignorierten. Anstatt Lucky mit tierquälerischen Maßnahmen zu bestrafen, wären einfach nur mehr Verständnis und einige Änderungen auf Grund einer fachlich kompetenten Problemanalyse nötig gewesen: ein Pheromonstecker (Feliway Classic), Rückzugsmöglichkeiten in anderes Zimmer, wenn Besucher da sind, Katzenhöhlen aus dem Fachhandel, Kartons und erhöhte Liebeplätze, etwa auf einem Regal oder Kasten.  Was Lucky auch dringend benötigen würde ist ein zentraler Kratzbaum, idealer Weise mit Aussichtsplattform in der Nähe des Sofas.

„Nein“ ist nicht immer „Nein“

Katzen können lernen, auf kleine Kommandos zu reagieren, so diese nicht im zackigen Befehlston ausgesprochen werden, sondern mit positiver Bestätigung verbunden und eindeutig sind. Denn Doppelbotschaften sind für Katzen ebenso irritierend wie für Menschen. Klassisches Beispiel: Das Schlafzimmer, das manchmal Verbots-, dann wieder Kuschelzone ist.

Zu respektieren ist, dass Neugier trotzdem eine der charakteristischen Katzen-Eigenschaften bleibt. Wurde beispielweise das Möbelarrangement in einem Zimmer verändert, wird eine Katze genauestens alles inspizieren, beschnüffeln, mit Köpfchen und Flanken markieren und sich hoheitsvoll auf die umgestellten Einrichtungsgegenstände setzen. Allem vorausgesetzt, dass sie, anders als etwa die schüchterne Lucky, psychisch stabil ist. 

Aber selbst von folgsamen Katzen darf nicht erwartet werden, dass Regeln auch dann gelten werden, wenn der Liebling sturmfreie Bude hat. Beispielsweise will ein menschlicher Dosenöffner nicht, dass der Stubentiger auf die Küchentheke springt. Immer wieder wird er den Liebling sanft hinunterschubsen, bis dieser klugerweise den Sprung tatsächlich vermeidet.  

Ist er aber allein, ist alles anders. Dann ist die naturgegebene Neugier nachzuschauen, was es oben alles Neues gibt, stärker.

Aber egal ob befolgte oder gebrochene Regeln, hoher IQ oder unterer Durchschnitt: Jedes Tier, ob klug oder nicht, ist liebenswert und möchte seinen Bedürfnissen nach leben können. Das ist, was wirklich zählt.

 

Dieser Beitrag von Mag. Ingrid Harant ist im Monatsmagazin „Tierfreund“ des Wiener Tierschutzvereins erschienen. Wir dürfen ihn mit freundlicher Genehmigung der Autorin und des WTV übernehmen.

 

Mag. Ingrid Harant ist Tierärztin und Gründerin der 1. Wiener Katzenambulanz. Sie schreibt über medizinische Themen und über das Verhalten von Katzen.