Kryptorchismus: wenn der Hoden beim Welpen nicht absteigt

Erbkrankheit, Hoden, Verhaltensänderung, Darmverschluss, Hautentzündung, Tumor
(c) Photo: 825545 auf Pixabay
Teilen

Erbkrankheit, Hoden, Verhaltensänderung, Darmverschluss, Hautentzündung, Tumor - Update [09|02|22]

  • Durchschnittlich ist jeder achte Welpe davon betroffen.
  • Im Hodensack befindet sich nur ein oder gar kein Hoden.
  • Dabei handelt es sich aber nicht nur um einen Schönheitsfehler.
  • Die Erkrankung hat massive Auswirkungen auf Gesundheit und Verhalten des Hundes. 

1. Was ist Kryptorchismus?

  • Bei Kryptorchismus befinden sich ein oder beide Hoden nicht im Hodensack, sondern im Bauchraum oder in der Leiste.
  • Abhängig von der Lage des nicht abgestiegenen Hodens spricht man von inguinalem oder abdominalem Kryptorchismus.
  • Da der rechte Hoden bei dem Abstieg einen längeren Weg zurücklegen muss als der Hoden der linken Seite, kann rechtsseitiger Kryptorchismus häufiger beobachtet werden.

2. Welche Hunde betroffen sind:

Kryptorchismus tritt vor allem bei kleinen Hunderassen auf. Rassehunde sind häufiger betroffen als Mischlingshunde, da die Fehlbildung rezessiv vererbt wird.

2.1 Wie der Hodenabstieg erfolgt: 

  1. Im oberen Bauchraum bilden sich aus spezialisierten Stammzellen die männlichen Hoden.
  2. Sie liegen gemeinsam mit großen Gefäßen, Nerven und beiden Nieren außerhalb des Bauchfells.
  3. Bereits zu diesem Zeitpunkt besteht über das Gubernaculum, Hodenband, eine Verbindung mit dem Hodensack.
  4. Unter dem Einfluss von Testosteron verkürzt sich das Band ab der Mitte der Trächtigkeit, die Hoden werden in Richtung Leistenkanal gezogen.
  5. Vor der Geburt liegen beide Hoden knapp vor dem Leistenkanal.
  6. Nach der Geburt wandert der Hoden durch den Leistenring in den Hodensack. Spätestens ab der achten Lebenswoche sollten sich beide Hoden im Hodensack befinden. Ein verspäteter Abstieg ist unwahrscheinlich, da sich der Leistenkanal verengt.

2.2 Wodurch der Hodenabstieg verhindert wird: 

  1. Die Veranlagung zu der Fehlbildung wird rezessiv vererbt.
  2. Begünstigt wird ein nicht stattfindender Hodenabstieg durch Übergewicht, Hormonbehandlungen der Mutterhündin während der Trächtigkeit und Umweltgifte.

3. Diagnose:

Können die Hoden im Hodensack nicht getastet werden, wird ihre Lage mit einer Ultraschalluntersuchung bestimmt. Hoden, die sich im Leistenkanal befinden können ertastet werden.

4. Gesundheitliche Folgen von Kryptorchismus:

Durch die höhere Temperatur im Bauchraum können die Sertolizellen der Hoden keine Spermien produzieren. Liegt der Hoden in der Leiste, ist die Spermienproduktion nicht gestört, die Zeugungsfähigkeit ist volle erhalten. Die nicht abgestiegenen Hoden sind immer kleiner ausgebildet als Hoden, die sich im Hodensack befinden.

Liegt ein abdominaler Kryptorchismus vor, ist das Risiko für eine tumoröse Entartung des Hodengewebes um das 13-fache erhöht. Es können sowohl gutartige, als auch bösartige Tumoren, die Metastasen in Leber, Lunge oder Knochen bilden, entstehen.

Durch normale Bewegungen des Hundes kann eine Drehung des Hodens um sich selbst erfolgen. Eventuell sind auch Darmteile von der Drehung betroffen. Starke Schmerzen und ein Darmverschluss treten auf.

Durch erhöhte Bildung von Östrogen entstehen chronische Hautentzündungen mit Schuppenbildung, Rötungen und Haarverlust. Die Haut wird anfälliger für Infektionen mit Bakterien und Pilzen. Verhaltensänderungen, wie Ängstlichkeit verbunden mit aggressivem Verhalten, werden beobachtet.

5. Therapie:

Eine konservative Therapie kann mit Gonadotropinen durchgeführt werden. Die Hormoninjektionen fördern das Wachstum der nicht abgestiegenen Hoden. Ein späterer Abstieg wird aber nur selten erreicht. Nicht abgestiegene Hoden müssen operativ entfernt oder in den Hodensack verlagert werden.

5.1 Operation mit Entfernung der Hoden:

Die Operation sollte bis zum dritten Lebensjahr durchgeführt werden, um eine tumoröse  Entartung des Hodens zu verhindern. Die Lage der Hoden wird mit Ultraschall bestimmt. Nach Eröffnung des Bauches wird der Hoden vorverlagert und das Gubernaculum, Hodenband, durchtrennt. Liegt der Hoden im Leistenkanal, wird die Haut über dem Hoden durchtrennt, der Hoden kann ohne Öffnung des Bauchraums entfernt werden. Die Naht erfolgt mit resorbierbarem Nahtmaterial.

5.2 Operation mit Erhaltung des Hodens:

Der Hoden wird nach Eröffnung des Bauches mit dem Gubernaculum vorsichtig in Richtung Leistenkanal gezogen. Anschließend wird der Leistenring erweitert. Der Hoden wird in den Hodensack verlagert und dort fixiert, damit er nicht in die Bauchhöhle zurückgleiten kann.

Diese Operation findet am besten zwischen dem 3 – 7 Lebensmonat statt, da durch eine frühe Operation die Heilung im Hodensack unproblematischer stattfindet. Nach einiger Zeit erreicht der operierte Hoden die gleiche Größe wie der Hoden der gesunden Seite.

6. Müssen kryptorchide Rüden kastriert werden?

Eine gleichzeitige Kastration ist nicht unbedingt erforderlich. Damit die genetische Veranlagung nicht an Nachkommen weitergegeben wird, sollte zumindest eine Sterilisation, eine Durchtrennung der Samenleiter, vorgenommen werden. Die Sterilisation oder Kastration wird auch empfohlen, wenn nur ein Hoden kryptorchid ist.

Ist der Hodenabstieg nicht erfolgt, handelt es sich um einen vererbten Mangel. Gesundheitliche Folgen, Operationskosten und ein Ausschluss von der Zucht sind zu erwarten. Meistens mindert sich der "sachliche"  Wert des Hundes um 50 %, Einem Austausch gegen einen anderen Hund durch den Züchter muss nicht zugestimmt werden. Lassen sie sich im Fall von Schadensersatzforderungen von einem Rechtsanwalt beraten.

7. Zusammenfassung: 

Kryptorchismus ist eine rezessiv vererbte Erkrankung. Einer oder beide Hoden steigen nach der Geburt nicht in den Hodensack ab. Es besteht das Risiko einer Hodendrehung und einer Tumorbildung.

Kryptorchide Rüden sollten immer von der Zucht ausgeschlossen werden. Eine operative Entfernung der kryptorchiden Hoden ist immer notwendig. Statt einer anschließenden Kastration kann auch eine Sterilisation, Durchtrennung der Samenleiter, erfolgen.