Silke, die Nette und Floyd, der Kläffer

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Von Kirsten Ruth Cordes

Silke ist immer adrett gekleidet. Die Frisur sitzt, das Make-up ist dezent und unterstreicht ihre sanften Gesichtszüge. Niemand kann sich vorstellen, dass jemand Silke nicht leiden kann. Silke ist eben immer so nett und freundlich, bleibt immer ruhig und besonnen, wird niemals ausfallend oder wütend.


Vor einem Jahr wurde Silke auf dem Weg zur Arbeit von einem „Schnorrer“ angesprochen. Der ungepflegt wirkende junge Mann kam direkt auf sie zu, versperrte ihr den Weg und sprach sie mit einem ununterbrochenen Wortschwall an: „Ach, du siehst aber voll nett aus! Hör mal, eine Frau, die so lieb und nett aussieht wie du, die hat doch bestimmt mal einen Euro für einen armen Wandersmann übrig, stimmt’s oder hab ich recht?“



Silke versuchte zunächst den Mann zu ignorieren, aber er folgte ihr, versperrte ihr erneut den Weg und berührte ihren Unterarm. „Nur einen Euro! Hey, du wirst mich hier nicht einfach stehen lassen! Komm schon, gib dir einen Ruck! Stell dich doch nicht so an! Du bist doch bestimmt ein guter Mensch, oder?“ 
Silke seufzte kurz, holte einen ganzen Haufen voller Kleingeld aus ihrem Geldbeutel und schüttete dem Mann das ganze Klimpergeld in seine Hand. Dabei lächelte sie ihn an und sagte: „Hab noch einen schönen Tag!“ 
Der Mann ging wortlos weg.

Silkes Herz klopfte wie wild. Ihr Magen krampfte sich zusammen, ihr wurde ganz schwummerig. Sie ging weiter zur Arbeit. Adrett und nett, wie sie eben war. Das merkwürdige Bauchgefühl schob sie auf das Sushi vom gestrigen Geschäftsessen.

Der Traum aus der Kindheit



Irgendwann kam in Silke der Wunsch nach einem Hund auf. Sie lebte allein und fühlte sich oft einsam. Jemand, der sie freudig begrüßen würde, wenn sie nach Hause kommt, das wäre toll! Außerdem mag sie schon seit ihrer Kindheit Tiere. Hunde fand sie schon immer toll. 
Ein hübscher, kleiner, netter Hund an ihrer Seite, das würde doch gut passen!




Wenige Wochen später sah man Silke mit einem kleinen Hund spazieren gehen. Ob er „hübsch“ war, darüber lässt sich streiten. Sein struppiges Haar drehte sich quirlig in alle Himmelsrichtungen und irgendwie wirkte der Körper etwas zu lang für seine geringe Höhe. Zu lang... und zu dick. „Adrett“ war so ziemlich die unpassendste Beschreibung für diesen Hund, den sie Floyd rief. Das rosafarbene zierliche Lederhalsband mit den Strass-Steinchen und der farblich passenden Leine änderte daran nicht wirklich viel.




Der Albtraum in der Wirklichkeit

Schon vier Wochen später meldet sich Silke verzweifelt bei einer tierschutzqualifizierten Hundetrainerin mit folgendem Problem: Floyd verbellt hysterisch alles und jeden. Er fletscht die Zähne und knurrt, wenn ihr jemand nahe kommt. Silke kommt unterwegs aus dem Entschuldigen gar nicht mehr heraus, denn es ist ihr sehr unangenehm, dass Floyd sich so rüpelig benimmt. Da muss man doch bestimmt mit gutem Hundetraining was dran machen können? Sie hätte so gern einen braven und wohlerzogenen Hund!




Möglicherweise sind Silke und Floyd ein Beispiel für den Hund als „Substitut des negativen Selbst“. Silke wünscht sich vielleicht ganz unbewusst, dass der Hund das tut, was sie sich nicht zu tun wagt, weil sie gelernt hat, dass sie immerzu freundlich und nett und adrett zu sein hat. Dabei hat sich in ihr mit der Zeit ein immer stärkeres Bedürfnis aufgestaut, sich zu wehren. Sich zu schützen gegen Grenzüberschreitungen, wie durch den dreisten Schnorrer damals.




Ihr selbst ist das kaum klar, denn sie ist stets sehr bemüht ihr Selbstbild der adretten und immer netten Silke aufrecht zu erhalten. Aber tief in ihr drin sitzt eine Silke, die schon von Weitem rufen möchte: „Verpiss dich! Lass mich bloß in Ruhe! Komm mir nicht zu nahe! Stell keine Forderungen! Bleib einfach weg!“


Ein Subsitut des negativen Selbst

Aber diese innere Silke schafft es nur, ein merkwürdiges Bauchgrummeln zu erzeugen. Weiter dringt sie nicht durch. Das würde Silke sich nie erlauben, so etwas zu denken! 

Wie auch immer diese innere Silke es schafft, zu Floyd durchzudringen... der sensible und kluge Hund nimmt diese innere Wut wahr und setzt sie um. Stellvertretend für Silke rüpelt er drauf los, was das Zeug hält... und Silke bestärkt ihn unbewusst darin. Während Silke sich mit hochrotem Kopf für das rüpelige Verhalten ihres Hundes tausendmal entschuldigt... jubiliert die innere Silke! Mit Floyd an ihrer Seite kommt ihr niemand mehr zu nahe, überschreitet niemand mehr ihre Grenzen. Sie selbst muss dabei gar nichts tun. Sie ist ja nicht verantwortlich! Sie ist nicht „böse“! Das übernimmt Floyd für sie. Was für eine Erleichterung!

Floyd, mit seiner strubbeligen Frisur, der alles Wohlschmeckende laut schmatzend verschlingt und sich nicht an seinem Übergewicht stört, der sich nie zusammenreißen muss und einfach tut, was ihm guttut, dem Konventionen und Erwartungen der anderen so egal sind... dieser Floyd ist Silkes Ersatz für alle ihre „unerlaubten“ Wünsche und Forderungen an diese Welt. Also ein „Substitut ihres negativen Selbst“.




Eine Hundetrainerin, die nun ausschließlich am Hund ansetzt, die Silke all die richtigen Verhaltensweisen beibringt, positive Verstärkung, klickern genau auf den Punkt, alles genau nach Schema... die wird sich wundern, warum sich bei Floyd dabei so gar nichts ändert.




Solche Fälle kennen alle erfahrenen Hundetrainerinnen. Irgendwann taucht so ein Gespann auf, bei dem nichts zu wirken scheint. Obwohl alle alles „richtig machen“, Trainerin, Halterin und sogar der Hund. Und trotzdem „funktioniert“ das Training nicht. Irgendwo ist ein Haken, den man nicht auf den ersten Blick erkennt.




Aber eine Trainerin, die womöglich erahnt, dass es sich bei diesem Halterin-Hund Gespann um einen Fall von „Substitut des negativen Selbst“ handeln könnte, die wird Silke vielleicht einfühlend und vorsichtig die eine oder andere Frage stellen, die dazu führen kann, dass Silke sich mit ihrer inneren Wut beschäftigt und dabei vielleicht sogar professionelle Hilfe sucht.


Manchmal, nicht oft... aber manchmal, sollten Hundetraining und Psychotherapie kooperieren. 

Mir scheinen heutzutage immer häufiger Hunde Rollen einzunehmen, die zum Beispiel der Rolle eines Kindes in einer Familie entsprechen. Die Psychologie des Halters, seine Einstellungen, Gefühle und sein Denken haben Auswirkungen auf das Verhalten des Hundes. Das sollte uns heute nicht mehr erstaunen.
Nun sind aber Hundetrainer Hundetrainer und Therapeuten Therapeuten. Beide können nicht mal eben die Profession des anderen übernehmen. Der verhaltensauffällige Hund als „Symptom“ eines psychischen Problems des Halters erfordert beide und zwar am besten tatsächlich in einer gegenseitigen Zusammenarbeit.


Das ist zugegeben eine etwas unkonventionelle Idee, aber unkonventionell ist manchmal gut. 
In meinen Seminaren gehe ich auf dieses und viele weitere humanpsychologische Themen ein, die auch oder gerade für Hundehalterinnen und Hundetrainerinnen interessant sind und im beruflichen oder privaten Alltag hier und da eine neue Perspektive auf den „Problemhund“ eröffnen. 
















 

Kirsten Cordes ist Menschen-Psychologin und arbeitet mit Therapiehunden. Aus diesem Verständnis für beide Enden der Leine entwickelt sie eine ganz eigene Sicht der Mensch-Tier-Beziehung.
 

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