Eine sehr berührende Geschichte von Dr. Eva Christina Grafl-Tendl
(c) Photo: Free-Photo auf Pixabay

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Vom Umgang mit dem Tod: "Komm großer schwarzer Vogel"

von Dr. Eva Christina Grafl-Tendl

 

Die Katze ist todkrank.

Sie hat Schmerzen. Sie reagiert nicht mehr wirklich. Sie mag nicht mehr fressen, nicht mehr hüpfen, nicht mehr gestreichelt werden. Sie mag eigentlich gar nicht mehr. 

„Ich würde mir so wünschen, dass sie einfach gehen kann. Dass sie einschläft und nicht mehr aufwacht“, weint die Besitzerin, die Begleiterin und Gefährtin der Katze, neben uns.

In meinem Kopf höre ich Ludwig Hirsch, der den großen, schwarzen Vogel besingt. Während ich der totkranken Katze die Narkose gebe, versuche ich mich daran festzuklammern, dass sie „singen, lachen und glücklich“ sein wird. Ich glaube daran, dass sie „des gibt’s net” rufen wird, sobald sie mit dem großen, schwarzen Vogel im Himmel angekommen ist.
 
Und ich hoffe, dass ich irgendwann einmal alles kapieren werde. Diesen ganzen Scheiß. Vom Sterben. Vom Leiden davor. Vom Versuch, dieses Leiden zu lindern und von dieser Verantwortung, zu entscheiden, wann genug gelitten wurde.

Die Katze liegt ganz ruhig, ganz friedlich.

Die Besitzerin, ihre Begleiterin, ihre Gefährtin durch viele Jahre hindurch, ist nach Hause gegangen, getröstet vom friedlichen Hinüberschlafen ihres Schatzes und von den Pfotenabdrücken, die wir ihr noch mitgegeben haben als letzten Gruß von ihrem Liebling.

Ich bin immer noch nachdenklich. Und ein bisschen traurig.

Da höre ich Ludwig Hirsch singen. „I wer singen, I wer lochn, I wer „des gibt's net!“ schrein! I wer endlich kapiern! I wer glücklich sein.” Mein Kollege nimmt mich einfach und dreht sich mit mir zu diesem unglaublichen Lied durch die Ordination.
 
Unsere Assistentin verdreht die Augen und motzt. „Das ist kitschiger als ein Staffelende in Grey´s Anatomy.“ Soll sein, aber mein Kollege und ich verstehen wieder einmal, welches Glück wir haben, dass wir als Tierärzte den Tieren und ihren menschlichen Gefährten in genau dieser Situation so neutral, so kompetent und doch so menschlich wie möglich helfen können. 

Die professionelle Sicht

Als Tierarzt habe ich mit dem Tod professionell umzugehen. Leicht ist das nicht. Ich entscheide über Leben und Tod. Daumen runter oder noch Daumen hoch. Ist das Sterbenlassen des Tieres ethisch-moralisch vertretbarer als der Versuch, sein Leben zu erhalten?
 
Theoretisch ist die Sache ja klar geregelt. Euthanasie ist  vertretbar, wenn das Tier unter Schmerzen leidet, die nicht mehr in den Griff zu bekommen sind oder wenn die Folgen einer Erkrankung das Tier auf Dauer schwer behindern.

Wäre die Praxis doch auch so einfach. Welche Fragen habe ich gemeinsam mit Ihnen, dem Tierbesitzer, zu klären? Die wichtigste natürlich, jene nach dem ob. Ist eine Behandlung sinnvoll oder nicht?  Ist es Zeit, das Tier einzuschläfern?  Tiere sind Meister im Verstecken von Schmerzen. Also kommt es auf die Diagnose an, unterstützt durch Ihre Beobachtungen.  Ist das Tier anders als sonst? Versteckt es sich? Frisst es nicht mehr? Erbricht es?  Jeder Tierarzt wird ihnen zuhören und ihre Bedenken ernst nehmen, weil gerade in Bezug aufs Sterben auch das sonst nicht gern gesehene Bauchgefühl ein ganz wichtiges Kriterium ist. Und er wird Ihnen seine Sicht der Dinge darlegen. Die Entscheidung muss dann gemeinsam getroffen werden.

Beim Tierarzt oder zu Hause

Die nächste Frage: Lassen Sie  das Tier beim Tierarzt gehen oder zu Hause? Wieder voll schwierig und nur individuell zu beantworten. Ein Hund zu Hause, der schon nicht mehr gehen kann, aber alle Fremden als Eindringlinge empfindet. Wenn ich als Tierarzt zu dem komme, dann hat der dann noch den Mörderstress mit mir als vermeintlichen Einbrecher.  Das ist kein friedvolles Einschlafen, wenn den der vermeintliche Einbrecher – und sei es noch so sanft - ins Jenseits befördert. Andererseits der freundliche Stubentiger, der zu Hause gern sein Nickerchen am Kratzbaum hält und das seit seiner schweren Erkrankung eh ohne sich viel zu bewegen. Der hat sicher kein Problem damit, für immer am Kratzbaum einzuschlafen.

Die Euthanasie

Viele Tiergefährten haben auch Angst vor dem Ablauf einer Euthanasie. Nein, nicht nötig. Ihr Liebling bekommt eine ganz schwere Narkose, schläft sanft und friedlich ein. Sie streicheln ihn, sind bei ihm, begleiten ihn total lieb und sanft in die Narkose – bis er schläft. Die Narkose ist so tief, dass man bei dem Tier eine ganz, ganz schwere Operation durchführen könnte, ohne dass es was mitkriegen würde. Wir Tierärzte kontrollieren ganz genau alle Reflexe, schauen, dass da nichts mehr reagiert, dass das Tier garantiert nichts mehr spürt. Sie haben Zeit, sich zu verabschieden.

Erst dann kommt die Spritze mit einem Mittel, das speziell für Euthanasien eingesetzt wird (der Wirkstoff ist extrem hoch dosiert) und wird dem Tier gespritzt. Zack, aus. Binnen Bruchteilen von Sekunden.

Hier gilt: nicht schrecken, wenn ihr Liebling noch einmal einen tiefen Atemzug nimmt oder mit den Gliedmaßen zuckt, er Urin oder Kot verliert oder komische Geräusche von sich gibt. Sterben ist eine ziemlich komplexe Angelegenheit, und nur weil das Herz binnen Bruchteilen von Sekunden aufhört zu schlagen, heißt das nicht, dass der ganze Körper binnen Bruchteilen von Sekunden seine Arbeit niederlegt. Es ist wie bei einem Atomreaktor, der explodiert: der Brennstab (hier das Herz) fliegt dir schnell um die Ohren, aber die Partikelchen (hier der Körper), die strahlen noch eine Zeitlang, bis sie kapieren „Game over.“

Die letzte Ruhe

Was Sie mit der Hülle (dem Körper) Ihres toten Lieblings anfangen möchten, das bleibt Ihnen überlassen; inzwischen gibt es hier unzählige Alternativen zur Tierkörperverwertung. Die aber auch nicht das personifizierte Böse ist und nein, aus Tierkadavern werden KEINE Seifen hergestellt; bei der Tierkörperverwertung werden die Tiere ordnungsgemäß verbrannt und die Asche entsorgt – nix creepy, voll in Ordnung, die Burschen dort.

Sie können Ihren Schatz einzeln bei diversen Tierbestattungsunternehmen einäschern lassen, es gibt vielerorts Tierfriedhöfe - Ihr Liebling, Ihre Entscheidung.

Alles in allem wünsche ich Ihrem Liebling und Ihnen ein langes, glückliches Leben – zu dem irgendwann aber halt auch der Tod gehört.
 

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