Teilen, verschicken oder drucken Sie diesen Artikel

Eberhart hasst Blasmusik

Vom Schmuseschweinchen zur Kampfsau und zurück

Von Dr. Eva Christina Grafl-Tendl

 

Prinzipiell sollte man Arbeit nicht mit nach Hause nehmen. Was mir als Tierärztin leider nicht immer möglich ist. Zu den meisten meiner Tiere bin ich in der Ordination gekommen. Die “Normalos” unter meinen tierischen Mitbewohner sind Katzen und Hunde.

Aber mit mir leben auch Schweine.

Ich weiß nicht. Ich kann Schweinen einfach nicht widerstehen. Und zwar lebenden Schweinen. Während die meisten Menschen tote Schweine bevorzugen, sei es am Grill oder als Schnitzel liebe ich diese Tiere, wenn sie durch die Gegend grunzen, schmatzend Obst verdrücken und sich von mir den Bauch kratzen lassen.

Ein schweinisches Geschwisterpaar

So bin ich auch zu meinem Eberhart und zu meiner Dörte gekommen. Der Ebi und die Dörte sind ein recht schweinisches Geschwisterpaar und freuen sich ziemlich drüber, meinen gesamten Garten mich inklusive im Griff zu haben.

Jetzt ist es so, dass Schweine eigentlich den Ruf haben recht gemütliche, ja sogar glücksbringende Zeitgenossen zu sein. Und jeder, der meinen Ebi und meine Dörte bis dato kennengelernt hat, hat zwei superfriedliche, verfressene, freche, verspielte und natürlich glücksbringende Schweine kennengelernt.

Jeder. Bis auf die Mitglieder der Blaskapelle des Dorfs, in dem ich wohne.

Man sollte meinen, dass ich als Tierärztin mich bemühe, relativ gesellig zu sein. Nein. Herzlich willkommen wäre übertrieben. Ich lebe in einem Hof, der nicht einsehbar ist.

Am Sontag im Dorf, wenn es an der Türe läutet

Jetzt war es aber an einem Sonntag so, dass in dem Dorf die Blasmusikkapelle irgendein Event zelebriert hat. Die Kapelle ist von Haus zu Haus gegangen, es hat jemand angeläutet, die Kapelle hat Blasmusik gespielt und tja, was weiß ich, wie´s weitergeht, denn.....

Es läutet also auch an meinem ansonsten nicht einsehbaren Gartentor. Um zu demonstrieren, dass ich doch geselliger als der Durchschnittsautist bin denke ich mir “Ach was, ich mach ausnahmsweise mal die Tür auf und schau raus. Wie nett.” Und weil ich demonstrieren will, dass ich ein ganz umsichtiger Tierarzt bin, der seine Tiere voll im Griff hat, befehle ich meinen Hunden im Haus zu bleiben. Muss ja nicht jeder gleich mitkriegen, dass mein dicker Dackel nicht nur dick sondern auch unerzogen ist. Ich bin ja immerhin Tierärztin. Ein Vorbild in Sachen Tiere.

Ich gehe also zum Gartentor, öffne das Tor, strahle, na ja, lächle, na ja, o.k, schaue halt hinaus, genauso wie die Nachbarn rundherum, um mich an der Blasmusik zu erfreuen und der Kapelle zu huldigen. Weil ich finde, dass das eine super Sache ist.

Von Null auf hundert wie ein alter 2CV

Womit ich nicht gerechnet habe ist mein Eberhart. In dem Moment nämlich in dem ich das Tor einen Spalt öffne, nimmt der Ebi Anlauf, beschleunigt auf seinen kurzen Schweinsstelzen von null auf hundert, Spucke fliegt um ihn herum, er macht Geräusche wie ein alter 2CV (dem grad der Motor absäuft) und rennt an mir vorbei direkt auf die Blasmusikkapelle zu. Sein Schweinsköpfchen ist tiefergelegt, zusätzlich zum Motor-absauf-Geräusch und zur Spucke kommt ein gruseliges Quieken, seine kleinen Schweinsaugen, ansonsten herzallerliebst mit einem Kranz dichter Wimpern, sind böse zusammengekniffen und es wird mir in diesen Bruchteilen von Sekunden klar: der Eberhart hasst Blasmusik.

Ich muss handeln. Ich schnapp mir also mein zur Kampfsau mutiertes Schweinchen und ziehe es zurück durchs Gartentor. Der Eberhart beginnt zornig zu kreischen, alles starrt aufs Schwein und dann auf mich. „Äh, also, das ist mein Schwein und der mag keine Blasmusik. Es tut mir leid. Auf Wiedersehen. Und äh, alles Gute dann.” Und ich werfe das Gartentor zu, während ich den zornig kreischenden Eberhart in den Hof zurückzerre. Wo der Ebi von der Kampfsau sofort wieder zum Schmuseschweinchen (“I saved you! Give me Fressen.”) mutiert.

Vor dem Gartentor erstirbt die Blasmusik.

Ich höre, wie die Leute weitergehen, und ein paar Meter die Straße hinunter wieder zu spielen beginnen. Eine Stunde später wirft jemand einen Zettel in mein Postkastl. Darauf steht: “Es ist Tag der Blasmusik. Wir wollten um eine Spende bitten. Anbei der Erlagschein.”

Tja. Ich habe nicht gespendet, weil meine Schweine mochten die Musik nicht. Und es hat auch nie mehr jemand an meinem Gartentor geläutet.

 


Dr. Eva Christina Grafl-Tendl, Bvetmed


ist Tierärztin und eine von vier Tierärzten weltweit (und davon die einzige Frau), die in der Zone Tschernobyl forschen darf, unter anderem zu Seuchenprävention und den Auswirkungen radioaktiver Strahlung auf den Organismus. Sie hat eine Auszeichnung der ukrainischen Regierung für besondere Dienste an der Zone, ist ehrenamtliche Tierärztin im Tierheim Bratislava und ehemaliges Mitglied der Ethik- und Tierschutzkommission an der Veterinärmedizinischen Universität Wien.


 www.tierordination-penzing.at