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Tod auf Anordnung betrifft alle Hunde

Schwere Körperverletzung: Behörde nimmt ab und tötet

 

Führt ein Hundebiss zu einer schweren Körperverletzung wird der Hund eingeschläfert. Das ist im neuen Wiener Tierhaltegesetz so vorgesehen und betrifft nicht nur Listenhunde. Einzige Ausnahme: Wenn sich die gebissene Person grob fahrlässig verhalten hat.
 
Bisher entscheidet prinzipiell ein Tierarzt, ob ein Tier eingeschläfert wird. „Mit dem Wiener Tierhaltegesetz wird die bewährte Regelung ausgehebelt. Die Behörde kann von sich aus die Tötung vorschreiben, ohne sich um die individuelle Beurteilung durch den Tierarzt kümmern zu müssen“, sagt Tierärztin Dr. Eva Wistrela-Lacek, die in Wien eine eigene Ordination betreibt und die Wiener Tierärztekammer als Ansprechpartner in dieser Causa vertritt.
 
Die Wiener Tierärztekammer hat gegen das neue Tierhaltegesetz scharf protestiert.  In einem offenen Brief an die zuständige Wiener Stadträtin Ulli Sima sprechen die Tierärzte der gesamten Listenhund-Gesetzgebung jede wissenschaftliche Grundlage ab.
 

Gesetz läßt keinen Spielraum

 

Was die Tierärzte aber noch viel mehr erbost ist die gesetzlich vorgesehene Tötung von Hunden nach Bissen, die zu einer schweren Körperverletzung oder zum Tod eine Menschen führen. Wörtlich heißt es in dem Gesetz: „Wird ein Mensch durch ein Tier schwer verletzt oder getötet, hat die Behörde das Tier auf jeden Fall abzunehmen. Im Falle einer Abnahme auf Grund einer durch einen Hundebiss verursachten schweren Körperverletzung oder Tötung eines Menschen ist ex lege das schmerzlose Einschläfern des Hundes zu veranlassen, es sei denn, die gebissene Person hat sich zumindest grob fahrlässig ... der Gefahr durch den Hund ausgesetzt.“
 

Jeder Biss kann als schwere Körperveretzung eingestuft werden

 

Ex lege heißt, dass die Behörde die Tötung vorschreibt. Und zwar ohne auf die individuelle Situation des Vorfalls einzugehen, mit Ausnahme der groben Fahrlässigkeit der gebissenen Person. Dazu kommt, dass das Gesetz nicht definiert, was eine schwere Bissverletzung ist. „Reicht es, wenn der Dackel das Herrl beim Spielen in die Hand beißt und der vorübergehend nicht arbeiten kann oder muss es eine schwere Gesichtsverletzung sein?“ stellt Wistrela-Lacek die eher rhetorische Frage, weil nämlich im Grundsatz wegen der Infektionsgefahr jeder Hundebiss als schwere Körperverletzung eingestuft werden kann.

Und auch die grobe Fahrlässigkeit sei ein dehnbarer Begriff, kritisieren die Ärzte. „Wie ist  die Fahrlässigkeit zu beurteilen, wenn der Chihuahua der Oma unterm Tisch das kleine Enkerl beißt, das mit ihm spielen wollte?“
 
Für die Tierärzte bedeutet das Wiener Tierhaltegesetz Konfliktpotential sowohl in rechtlicher als auch in ethisch-moralischer Hinsicht. Kommen sie der behördlichen Anordnung zur Tötung nach vernachlässigen sie die im Tierärztegesetz als Voraussetzung für die Euthanasie vorgesehene fachkundliche Beurteilung. Und sie handeln auch gegen das  Tierschutzgesetz des Bundes, das den Tierarzt verpflichtet, den „vernünftigen Grund“ für die Tötung individuell zu beurteilen.
 
Vor allem aber hebelt die Anordnung die Eigenverantwortung und damit die Basis des Vertrauens zwischen Tierarzt und Hundehalter aus, ärgert sich Wistrela-Lacek. Die Tötung eines Lebenswesens werde ja nicht als Nebenbei-Sache gesehen, sondern sei eine ethische Verantwortung und habe bei aller Professionalität auch noch eine emotionale Seite.
 
 

Viele Maulkörbe rund um das Gesetz

 

Das Büro Sima hat Anfragen von petdoctors.at zum Tierhaltegesetz unbeantwortet gelassen. Fragen zum Thema Listenhund wurden nur mit schriftlichen Allgemein-Auskünften, konkret angefragte Zahlen gar nicht beantwortet.
 
Das TierQuartier hat auf Fragen nach dem Schicksal der abgenommenen Listenhunde geantwortet, dass es derzeit keine Möglichkeit für Interviews gebe. Die MA 60 verweist auf die für Sicherheitsaspekte zuständige Polizei.
 
Der gesamte e-mail-Verkehr ist von petdoctors.at dokumentiert.
 
 
Den offenen Brief der Wiener Tierärztekammer finden Sie hier