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Listenhunde: Was die Politik tun könnte

Mehr Kontrolle statt immer neuer Vorschriften

 

Die Einhaltung bestehender Gesetze kontrollieren anstatt Hunde und ihre Halter mit immer neuen Vorschriften quälen: Das wäre für Tierärztin Regina Bregenzer die richtige Vorgangsweise, um ein harmonisches Miteinander von Mensch und Tier auch in der Stadt zu ermöglichen.

 

Gegen die Absicht die Stadt sicherer zu machen sei ja nichts einzuwenden. Ganz im Gegenteil, sagt Bregenzer im Gespräch mit petdoctors.at.  Nur wie es die Politik in Wien und in vielen anderen Städten versucht, ohne Berücksichtigung der Meinung der Experten und mit fadenscheinigen Begründungen für alle möglichen Zwangsmaßnahmen und Verbote, das sei der falsche Weg. Da würden Ängste geschürt und es werde polarisiert, weil halt die Argumentation so leicht verständlich sei. Maulkorb gegen gefährlichen Hund. Gefährlich, weil er auf einer willkürlichen Liste steht. Emotion gegen Verstand. „Wenn ein sechsjähriges Kind schreiend vor einem Zwerghundewelpen davon läuft und sich hinter den Eltern versteckt, dann ist etwas in der Erziehung ganz schief gelaufen.“

 

Es gibt schon genug Regeln

Es gebe genug Regeln: Chip-Pflicht, Meldepflicht, Steuer-Pflicht, Maulkorb- und Leinen-Pflicht, Hundeführschein, Sachkundenachweis, aber was nützt das alles, wenn sich niemand um die tatsächlich unerwünschten Auswüchse kümmert. „Den testosterongesteuerten Halbwüchsigen, die den Minderwertigkeitskomplex mit einem auf scharf gestylten Kampfhund kompensieren,  denen sind diese Vorschriften scheißegal, weil nicht kontrolliert wird und es damit auch keine Strafen gibt. Wenn ein paar tausend Euro auf dem Spiel stehen, sieht die Sache ganz anders aus“, ist Bregenzer überzeugt.

 

Diese Aufgabe den Polizisten umzuhängen, sei Augenauswischerei. „Die Polizei kann das nicht, die hat mit den Zweibeinern genug zu tun. Die Polizei ist erst zur Stelle wenn etwas passiert ist, aber dann ist es schon zu spät. Da braucht es eine eigene Truppe mit Befugnissen und Sachverstand und Kontrolle in den Problembezirken und nicht am Heldenplatz. Der Parkschein in der Zone wird auch erst ausgefüllt, seit die Parksheriffs kontrollieren.“

 

Die Rasselisten sind völlig verfehlt

Das Problem über Rasselisten in den Griff bekommen zu wollen, sei völlig verfehlt. Einerseits wegen der willkürlichen Zuordnung. In Wien böser Kampfhund, in Niederösterreich nicht. Andererseits wegen der Ausweichmöglichkeiten. „Wenn der American Stafford verboten ist, dann wird es eben ein Kangal und wenn die „Deppen“ erst draufkommen, was Herdenschutzhunde können, dann gute Nacht“, bringt Bregenzer das Problem auf den Punkt. Und gebissen werde, wie alle Statistiken beweisen, ohnehin hauptsächlich innerhalb der Familie und mehrheitlich von Nicht-Listenhunden. Bregenzer: „Das sind Fakten, aber um diese kümmert sich die Politik in Wien leider nicht.“

 

 

 

Mag. Regina Bregenzer ist Tierärztin mit Praxis in Wien 19.  Sie züchtet seit 1991 Bullterrier und Chinese Crested.

 

http://www.tierarzt-wien-19.at

http://www.bullterrier.at

 

Diesen offenen Brief hat Bregenzer nach dem Biss-Vorfall im September 2018 an die für den Tierschutz zuständige Wiener Stadträtin Ulli Sima geschickt. Ohne Ergebnis.

 

Sehr geehrte Fr. Ulli Sima

Ich bin Tierarzt und züchte seit 27 Jahren Bullterrier. Hunde, die allesamt bei verantwortungs- und liebevollen Menschen, zu einem Großteil in Familien mit Kindern, leben. All diese Personen wurden schon vor Jahren durch die willkürliche Einführung der Rasseliste, an der besonders Sie federführend beteiligt waren, schikaniert. Diese verantwortungsvollen Hundebesitzer haben allesamt die bisherigen Auflagen erfüllt und sind niemals auffällig geworden.

WAS HABEN DIESE PERSONEN MIT EINER ALKOHOLISIERTEN UND UNVERANTWORTLICHEN HUNDEBESITZERIN ZU TUN?

Es ist erschreckend, dass Politiker, die Hetze und Verallgemeinerungen gegen z.B. Asylanten verurteilen und davor warnen, nicht alle in einen Topf zu schmeißen, wenn Mal wieder ein grausames Gewaltverbrechen geschieht, nun genau zu einer solchen Hetze aufrufen gegen Personen, die Besitzer eines Hundes einer mehr als fragwürdigen Liste sind.

Wenn ein BMW Fahrer in Salzburg ein Kind totfährt, werden auch nicht alle anderen BMW Fahrer zur Nachschulung verpflichtet. Warum eigentlich nicht?

Ihre Partei verwehrt sich gegen Ausgrenzung von Minderheiten und ruft zu Sachlichkeit und Toleranz auf. Wie passt nun ihre Vorgehensweise, wodurch eine Minderheit von Hundebesitzern vollkommen ungerechtfertigt kriminalisiert und ausgegrenzt wird in das werte Parteiprogramm? Aber ja, man hat sich ja schon öfter im Winde gedreht, wenn es um Wählerfang geht. Da werden schnell Prinzipien und Vernunft über den Haufen geworfen.

Ich hatte schon vor Einführung des verpflichtenden Hundeführscheins das zweifelhafte Vergnügen im Rahmen eines Interviews mit einer Zeitung zu diesem Thema, Ihre Bekanntschaft zu machen.
Schon damals haben Sie bewiesen, dass es Ihnen nicht um eine sinnvolle Regelung geht, sondern Ihnen nur daran gelegen ist, mit einer Anlassgesetzgebung einen Großteil der Wählerschaft zu beeindrucken. Fakten werden dieser Wählerschaft bewusst vorenthalten. Diese Wählerschaft weiß auch nicht, dass sie zwar eine glorreiche Liste mit zahlreichen Auflagen für die Besitzer ins Leben gerufen, es aber in all den Jahren nicht der Mühe wert gefunden haben, die erforderlichen Möglichkeiten zu schaffen, für entsprechende Kontrollen zu sorgen.

Das ist wie die Einführung eines Tempolimits, ohne die Möglichkeit der Geschwindigkeitsmessung.
Alles Augenauswischerei. Niemand ist zuständig, bzw. traut sich in Problembezirken zu kontrollieren.

Ich hatte schon damals angeregt, nach dem Modell der Parkraumüberwachung, eine Gruppe zur Kontrolle der Einhaltung dieser Regelungen ins Leben zu rufen, ähnlich dem Ordnungsamt in Deutschland. Bis heute ist hier NICHTS geschehen. Das wäre ja auch viel mühsamer, als einen unüberlegten Gesetzesentwurf rauszuhauen.

 

Es macht absolut KEINEN SINN ein Gesetz zu verschärfen, für dessen Einhaltung man schon bisher nicht sorgen konnte (oder wollte). Aber um SINN ist es Ihnen ja leider nur selten gegangen.
In der ZIB 2 hat der Vizekanzler angedacht, das oberösterreichische Modell bundesweit einzuführen.

Das wäre ein Schritt in die richtige Richtung. Dort gibt es nämlich keine Liste, sondern Besitzer auffällig gewordener Hunde, egal welcher Rasse, werden zum Rapport gerufen und JEDER Hundebesitzer muss einen Sachkundenachweis erbringen.
Jeder Biss ist einer zu viel, da gebe ich Ihnen durchaus recht. Ich würde in diesen Fällen die Strafen auch weit höher ansetzen. Sie allerdings bestrafen pauschal unbescholtene Bürger und verschließen sich jeder vernünftigen Argumentation, die die Sinnlosigkeit ihres Vorhabens aufzeigt. Traurig auch, dass wir diese ganze Diskussion nicht hätten, wäre der Besitzer eines nicht der Liste angehörenden Hundes für diesen bedauerlichen Vorfall verantwortlich. Solche Fälle gibt es nämlich auch, die mediale Darstellung sieht dann jedoch ganz anders aus.

Es steht zu hoffen, dass doch auch vernünftige Personen in die Finalisierung des Gesetzes mit einbezogen sind.
Jeder Besitzer eines nicht Listenhundes, der bisher der unausgegorenen Argumentation von Fr. Sima auf den Leim gegangen ist, sei im Übrigen gewarnt. Der Willkür einer mutwilligen Erweiterung der Liste ist sicher keine Grenze gesetzt.

Dieses aus der Hüfte geschossene, völlig unausgegorene Gesetz, bringt keinerlei Nutzen, wird auch keinen Hundebiss (zumal die überwiegende Mehrheit im Privatbereich passiert) verhindern, sondern ist eine reine Schikane unbescholtener Bürger um die bewusst falsch informierte Bevölkerung in den Glauben zu versetzen, dass etwas Sinnvolles unternommen wurde.

Zum Abschluss ein gut gemeinter Rat: kümmern Sie sich einmal um die Umsetzung bestehender Gesetze, bevor Sie neue, sinnlose und wieder nicht exekutierbare, in Kraft setzen wollen.

Mit freundlichen Grüßen Mag. Regina Bregenzer